Ipad & Co bei Kindern mit Behinderung – Mit der Überreizung leben?

Inhaltsverzeichnis

Ipad & Co in Zeiten der Digitalisierung als Teil des Familienlebens

Nicht nur in Familien mit Kind mit Behinderung stellen Ipad, Fernseher & Smartphone ein Konfliktpotenzial dar. Heutzutage ist Medienkonsum wohl in allen Familien ein Thema: Wie lange darf mein Kind Fernsehen? Was darf mein Kind gucken? Wann ist es zu viel? Ich gehe davon aus, dass jeder von euch sich mindestens eine dieser Fragen schon einmal gestellt hat. Was auch kein Wunder ist! Immerhin spielen Medien eine riesige Rolle in unserem Leben. Auch wir können, wenn wir ehrlich sind, schlecht ohne unser Smartphone. Dennoch ist der Medienkonsum bei Kindern mit Behinderung häufig etwas anderes. Warum? Weil Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen beispielsweise über eine eingeschränkte Verarbeitung von Sinnesreizen verfügen und zudem häufig bestimmte stereotype Verhaltensweisen entwickeln, die beim Konsum moderner Medien zu einem zwanghaften Verhalten führen können. Auch bei anderen Syndromen und/oder Behinderungen kommt es durch den Gebrauch moderner Medien des Öfteren schneller zu Überreizung und vor allem nach der IPad-Zeit zeigen sich zahlreiche Herausforderungen.

Wie geht man also mit IPad & Co am besten um?

Wie viel Bildschirmzeit ist gut?

Insbesondere die Frage wie lange und wie viel darf mein Kind Fernsehen oder/und ans IPad, stellt für viele Eltern die größte Herausforderung dar. Laut einer WHO Studie aus dem Jahr 2019 sollte die tägliche Bildschrimzeit bei 2-5 Jährigen nicht die 60 Min. überschreiten. Ich persönlich finde solche durchschnittlichen Angaben jedoch schwierig. Eine volle Zeitstunde Bildschirmzeit kann für eine 3 Jährige ziemlich viel sein. Ungeachtet ob mit Behinderung lebend oder ohne. Sondern einfach, weil jedes Kind anders ist. Daher kann ich, wenn es um die Frage “Wie lange?” geht nur dazu raten, auf euer Kind zu achten und zu beobachten welche Zeitspanne gut erscheint. Ich kann zudem raten es mit der Dauer nicht zu starr und streng zu sehen. Es ist auch ok, wenn euer Kind an einem Tag mal 1,5 Stunden vor dem IPad sitzt und am nächsten Tag aber nur 0,5 Stunden.

Außerdem kann ich wirklich empfehlen, anstatt sich ständig mit der Frage nach “Wie lange?” mit der Frage “Warum?” auseinanderzusetzen. Warum schaut euer Kind dann und dann YouTube Videos? Zum Runterkommen nach der Kita? Als Hilfe vom Übergang Therapie- zuhause? Weil sein Bruder/Schwester auch Fernsehen? Weil es deinem Kind einfach Freude bereitet? Ich glaube, dass die Antwort auf die Frage “Warum?” viel Klarheit im Thema Medienkonsum schaffen & behilflich sein kann die Dauer zu bestimmen.

Wann ist der beste Zeitpunkt im trubeligen Alltag?

Den perfekten Ipad/Fernseher-Zeitpunkt gibt es nicht. Manche Kinder nutzen gerne nach der Kita/Schule Medien, andere nach dem Abendessen vor dem Schlafengehen. Ich kann jedoch empfehlen grundsätzlich einen festen Zeitpunkt im Tagesablauf zu wählen. Einfach um Vorhersehbarkeit und Routine für euer Kind zu schaffen. Damit meine ich nicht, dass ihr an feste Uhrzeiten gebunden sein müsst, sondern eher an Abläufe. Sprich z. B. täglich nach dem Nachmittagssnack. Außerdem weiß ich, dass es immer mal wieder Momente im Alltag gibt, wo das Handy oder IPad gefühlt “die einzige Lösung” sind. Auch das finde ich völlig okay und nachvollziehbar. Auch ich kenne es aus super anstrengenden Therapiestunden (für das Kind), dass danach erst einmal eine Runde “Feuerwehrmann Sam” Hörspiel über Spotify gehört werden muss.

Hinsichtlich des Zeitpunktes kann ich euch zudem empfehlen, für eure Kinder einen klaren Anfang sowie Ende zu gestalten. Sprich ihr solltet IPad/Fernsehen richtig ankündigen und auch klar beenden. Häufig reicht hierfür nicht nur die Gebärde/Symbol “fertig” zur visuellen Unterstützung, sondern man kann geradezu einen richtigen Abschiedsspruch oder “Tschüss iPad” sagen. Es hilft zudem während der Laufzeit einen Time Timer daneben zu stellen. Auch wenn du das Gefühl hast, dein Kind beachtet den Timer nicht, wird es mit der Zeit die Verknüpfung zwischen Ablauf der Zeit und IPad Ende verstehen. Gute Time Timer findest du hier:

https://timetimer.de/?gclid=EAIaIQobChMI17-qhYaf8wIVJe_tCh0eFQK1EAAYAiAAEgJYlPD_BwE

Mit der Überreizung leben

Häufig stellt bei Kindern mit Behinderung das größte Problem die auf den Medienkonsum folgende Überreizung dar, die sich meist erst zeigt, wenn das jeweilige Gerät abgeschaltet wird. Hierbei stellen sich viele die Frage, wie kann ich das Schreien bei Ende der Mediennutzung verhindern?

Leider gibt es darauf kein Patentrezept. Die hohe Reizeinflutung durch moderne Medien (Farben, Ton, Tempo, usw) lässt sich nun einmal schwer vermeiden. Außer man verbietet dem Kind jeglichen Konsum, was ich heutzutage für absolut unmöglich halte (außer bei Kindern unter 2 Jahren, hier rate ich angelehnt an zahlreiche WHO Studien von einem Mediengebrauch ab). Zudem kann ich das Bedürfnis von Kindern mit Behinderung nach iPad/Fernsehen auch verstehen. Ich meine, wie oft scrollen wir durch Instagram, Newsletter, Nachrichten, online Portale usw. nur um uns einen kurzen Moment “Ruhe” oder Ablenkung zu gönnen? Wie oft haben wir unser Handy in der Hand? Und auch wir setzen uns häufig einfach mal auf die Couch und machen den Fernseher an, wenn wir ausgelaugt sind und unser Gehirn eine Pause braucht.

Und genauso geht es auch euren Kindern. Nur dass diese aufgrund ihrer Behinderung die Reize anders (nämlich schlechter) verarbeiten und sich selbst schwer regulieren können. Außerdem stellt insbesondere das IPad eine klasse Möglichkeit dar, sich als selbstwirksam zu erleben: Drücke ich auf ein Symbol, öffnet sich etwas und es erscheint Bild & Ton. Kinder erleben hier Aktion-Reaktion in ziemlich schneller und direkter Art und Weise, was sehr befriedigend für sie ist. Bei Kindern mit Behinderung solltet ihr allerdings stets darauf achten, ob es sich beim Medienkonsum eures Kindes noch um Spaß und Freude handelt oder ob sich hier zwanghafte Verhaltensweisen entwickelt haben (wie beispielsweise immer und immer wieder denselben Knopf drücken).

Vorhersehbarkeit, Sicherheit & Rituale als Lösung

In vielen Fällen lassen sich die herausfordernden Verhaltensweisen nach dem Medienkonsum durch Vorhersehbarkeit & Sicherheit für euer Kind etwas eindämmen oder sogar vermeiden. Beispiele hierfür sind die Visualisierung von Zeit (Wörter wie “gleich” z. B. sind sehr schwer nachzuvollziehen und einzuordnen für Kinder) und Rituale, die nach der Medienzeit folgen. Nach der Medienzeit sollte immer etwas folgen, dass euer Kind gerne macht und das IPad/ Fernseher-Ende nicht noch schlimmer macht. Zudem sollte es etwas sein, dass ihr gemeinsam macht. Solche neuen Rituale sollten übrigens mindestens 3-5 Wochen ausprobiert werden bevor ihr etwas zur Wirksamkeit sagen könnt.

Und was ist mit dem schlechten Gewissen?

Bei vielen Eltern von Kindern mit Behinderung zeigt sich das schlechte Gewissen beim Medienkonsum in zwei Aspekten. Einerseits dahingehend, dass Eltern das Gefühl haben ihr Kind schaut zu viele Paw Patrol Folgen und sie würden ihr Kind “vor dem Gerät parken”. Andererseits, dass Eltern ihrem Kind trotz Überreizung die IPad Zeit nicht verbieten wollen, da sie das Gefühl haben, das ist eine der wenigen Dinge, die ihr Kind wirklich mag und es nicht auf eine weitere zusätzliche Sache verzichten soll.

Beide Denkweisen sind gut nachvollziehbar. Und auch hier gibt es leider keine einfache Lösung (wie so oft). Ich kann euch nur ans Herz legen, sich in welcher Form auch immer, von dem schlechten Gewissen zu lösen. Ihr kennt euer Kind am besten und es gibt keine Anweisung hinschlichtlich Medienkonsum, die für alle Familien gilt. Natürlich solltet ihr darauf achten, dass die Zeit vor dem Fernseher und/oder IPad nicht Überhand gewinnt und euer Kind auch noch andere Eindrücke erhält, aber wenn ihr einen anstrengenden Tag im SPZ hattet oder ihr 100 Schreiben für Krankenkassen erstellen müsst, wird es eurem Kind nicht schaden an dem Tag mal etwas mehr vor dem Fernseher zu sitzen.

Ich hoffe, der Beitrag hat euch gefallen & konnte euch etwas mehr Sicherheit im Mediendschungel bieten!

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